17.03.2015

Social Entrepreneurship

Stell Dir vor, du hast eine Pizzaria in Sizilien, bezahlst kein Schutzgeld und beleidigst die Mafia, indem Du Dich wie sie "NCO" nennst. Um Dich zu schützen, hast Du erstklassigen Büffelmozzarella und Deine geistig behinderten Mitarbeiter.
Glückwunsch! Du hast schon so gut wie gewonnen!

Die Nuova Cuccina Organizzata macht leckeres Essen, das teilweise auf Land angebaut wird, das von der Nuova Camorra Organizata konfisziert wurde. Da der Ehrencodex der Camorra es verbietet gegen geistig behinderte vorzugehen, kommt die Pizzeria damit durch.
Das klingt wie eine urbane Legende und ist es vielleicht auch. Je mehr der (finanzielle) Druck wächst, desto weniger ist ein Ehrencodex wert, aber das nur am Rand.
Die NCO ist nämlich nur eines von vielen Beispielen, die Antonino Vaccaro gestern in seinem Vortag über "Social Entrepreneurship" im Rahmen eines IESE-Events angeführt hat. Man muss nicht gleich gegen die Mafia antreten, es reicht schon, wenn man jemandem Arbeit gibt.

"Soziale Unternehmen" verändern Gesellschaften auf der ganzen Welt inzwischen mehr als Regierungen und Religionen. Das liegt daran, dass man es heute schwer hat, wenn man einem Codex folgt, egal wie der aussieht. Wer sich nicht anpassen kann, verändert auch nichts.
Auch hier muss ich euch den Nachweis schuldig bleiben und Vaccaro glauben. Wahrscheinlich kommt es ganz darauf an, wie man "sozial" definiert.
Dabei hat sich laut Vaccaro der Markt selbst in den letzten Jahrzehnten stark verändert. Die Erwartungen der Verbraucher sind gestiegen und während Non-Profit-Organisations professioneller und profitabler werden, legen sich Konzerne zumindest ein soziales / ökologisches / ethisches Mäntelchen um. Das ist zumindest gut für das Image und die Motivation der Mitarbeiter.

Als zweiter Redner war Rainer Höll von Ashoka Deutschland dran. Sein Beispiel für ein soziales Unternehmen: Frank Hoffmann, ein Gynäkologe, der blinde Frauen für die Brustkrebserkennung angestellt hat. Sie bringen das mit, was ein Arzt nicht leisten kann: Sie haben mehr Zeit, den Kopf frei für diese eine spezielle Aufgabe und hoch sensible Finger. Und ich kann mir vorstellen, dass es angenehmer ist von einer blinden Frau abgetastet zu werden als von einem sehenden Mann. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass das Modell auf die Prostata-Untersuchung übertragen wird ...
Wie dem auch sei: Förderer wie Ashoka sorgen dafür, dass aus solchen Ideen Unternehmen werden. In diesem Fall nennt sich das Discovering Hands. Auch Wikipedia wurde so von Ashoka gefördert.

Der dritte Speaker war Kurt Schöffer von Auticon. Wer Rain Man oder Monk kennt, der weiß, dass man für bestimmte Fälle einfach einen Autisten braucht. Der ist zwar nicht immer sozialverträglich, hat aber geistige Fähigkeiten, für die andere Leute ganz lange trainieren müssen. Auticon sorgt dafür, dass die richtigen Fähigkeiten in den richtigen Projekten eingesetzt werden. Davon haben die Unternehmen was und auch die Autisten, die vorher keinen passenden Platz im Arbeitsmarkt gefunden haben.

Apropros Arbeitsmarkt. Ich habe gestern extra ein Hemd und meine guten Schuhe angezogen, war aber natürlich trotzdem total underdressed. Lauter Anzüge und Visitenkartenverteiler um mich herum. Und Häppchen beim anschließenden "Networking Cocktail".
Deshalb gab es auch eine deutliche Reaktion, als einer der Sprecher sinngemäß gesagt hat: "Da rufen Unternehmensberater bei mir an und wollen für mich arbeiten. Ich sage ihnen, ich kann Dir aber nur die Hälfte oder ein Drittel von dem geben, was Du vorher verdient hast. Mehr als 5.000 im Monat sind nicht drin."

Keiner hat gelacht ...

Was ich so lese