21.05.2015

Die Landkarte der Liebe

Je älter ich werde, desto seltener verliebe ich mich. Und seit ich mit dem Schreiben aufgehört habe, werde ich auch nur noch selten von der Inspiration belästigt. Vielleicht sind die folgenden Gedanken deshalb nur das Brownsche Grundrauschen, das übrig bleibt.

Ich habe meinen inneren Kompass bei Seite gelegt. Manchmal schiele ich noch darauf, wenn er von starker Attraktivität angezogen wird oder die ein oder anderen Schwankung vertrauter Magnetlinien spürt, aber ich folge ihm nicht mehr zum Pol.

Endlich, denn was hat mich auf dem Weg zu den magnetischen Polen erwartet, der so logisch erschien? Zunächst die verschlungenen Straßen der Welt, dann der Zauber der Aurora und dann nichts mehr. Kälte und Schweigen. Dunkelheit.

Ja, ich weiß, der Pol ist eine Idee, eine Vorstellung, die man nur mit dem füllen kann, was man selbst mitbringt. Um als Entdecker vom Rang eines Scott - oder nehmen wir lieber Amundsen, der ist nicht ganz so deprimierend - gelten zu können, hätte ich mich durch das Eis graben und je nach Pol ins Wasser springen oder eine Mine in den Fels sprengen müssen. Vielleicht hätte ich dann die Hohlwelt gefunden.

Aber wozu? Weil der Pol da ist und nur den Weg zu ihm hin oder von ihm weg zulässt? Weil, wie Hillary bemerkt hat, auch das Sinnlose von uns Menschen erobert werden muss?
Ich habe auch so genug über mich gelernt und vieles davon ist nicht schön. Ich bin nicht mehr der, der vor langer Zeit losgelaufen ist. Ich habe den ein oder anderen Begleiter im Eis zurückgelassen, vielleicht bin ich auch zum Kannibalen geworden, um den Rückweg zu schaffen. Ich weiß es nicht. Wenn ich euch gebissen habe, tut es mir leid. Non sum qualis eram.

Aber ich habe eine Karte mitgebracht. Eine Landkarte der Liebe. Voller Details in der Nähe meines Herzens und mit der Warnung "hic sunt dracones" an den Rändern.

Eine Karte, die ich zum Glück nicht allein angefertigt habe.

18.05.2015

Rocky Horror Show Workshop an der Abraxas Musical Akademie

An einem regnerischen Mai-Morgen brachte mich eine Panne meines rationalen Urteilsvermögens in eine abgelegene Gegend Münchens, wo ich auf seltsame Wesen stieß, die vielleicht nicht von diesem Planeten waren. Oder war ich das Alien? Wer weiß ...


Don't dream it, be it

Der Virus Rocky Horror Show hat sich langsam bei mir eingeschlichen. Ich kannte ein paar Ausschnitte und war nicht so recht überzeugt. Dann bin ich mit ein paar Freunden in die ehrwürdigen Museum Lichtspiele, wo der Film seit 1977 jede Woche läuft. Ich war immer noch nicht ganz überzeugt. Dann kam die Show im Deutschen Theater mit Sky DuMont als Erzähler. Ab da hat es mich gestört, dass ich nicht richtig mittanzen konnte. Ein Workshop war der logische nächste Schritt.

I'm going home

Normalerweise braucht es 2 Wochen Urlaub, damit ich mein Passwort für den Arbeits-Computer vergesse, aber der Rocky Horror Show-Workshop der Abraxas Musical Akademie hat das in 2 Tagen geschafft. 
Es wird noch eine Weile dauern, bis Rocky, Riff-Raff, Frank N. Furter, Janet, Brad, Magenta und die anderen meinen Kopf verlassen. Oder sie richten sich dort häuslich ein. Hätte ich auch nichts dagegen.

I've tasted blood and I want more ...

Ja, mehr bitte. Vielleicht nicht unbedingt Musical, aber an meinem Gesang und am Tanzen zu arbeiten, hat mir Spaß gemacht. Vormittags ging es jeweils mit Solo- und Chorgesang los, nachmittags war die Choreographie dran. Zum Finale dann das Ganze mit Playback, am Sonntag sogar vor Publikum. 

Once in a while

Ich hätte noch ein oder zwei Tage gebraucht um die Einsätze und Bewegungen richtig hinzubekommen, aber ich bin ja auch keine 16 - 18 mehr wie die 4 Mädels, die mit mir dabei waren. Die meisten als Vorbereitung für die Bewerbung zur Musical-Ausbildung.
Auch da haben die 2 Tage gerade gereicht um einen kleinen Einblick in eine andere Welt zu bekommen. Ich versuche mir gerade vorzustellen, was man noch alles erleben wird, wenn man frisch mit dem Abi in der Tasche oder direkt vor Augen schon die erste Tanz-/Schauspiel-/Gesangsausbildung abgebrochen hat.

I can make you many men

Es war so schön zusammen mit so talentierten jungen Frauen in verschiedene Rollen zu schlüpfen. Und als Rocky von ihnen zum touch-a, touch-a touch me gedrängt zu werden oder als Frank N. Furter über die Bühne zu stolzieren, hat dem Ganzen noch ein wenig Pfeffer gegeben. 
Zwischen mir und Mr. Rampensau himself liegen zwar ein paar Welten, but I can show you around, maybe play you a sound und das ist schon was ^__^

In dem Sinne:

Let's do the time warp again!

15.05.2015

"Das Interview" im kleinen Theater Landshut

Was bedeutet Dein Aussehen für Deine Persönlichkeit? Was hat Dein Beruf damit zu tun, ob Du gut oder schlecht bist?
Wie viele essentielle Fragen kann man innerhalb von einer Stunde beantworten?

"Das Interview" mit Andreas Sigrist und Stefanie von Poser in den Hauptrollen ist ein Stück aus einer Epoche, in der der Mensch länger lebt und weniger Zeit hat als je zuvor. Zwei hochspezialisierte Protagonisten der arbeitsteiligen Gesellschaft treffen aufeinander und versuchen so effizient zu sein, wie Menschen es eben sein können.

Auf der einen Seite ist da der Politik-Journalist, Veteran aus Bosnien und dem Krieg seiner eigenen Familiengeschichte, auf der anderen die Star-Schauspielerin, Projektionsfläche und Gestaltwandlerin par excellence.
Beide unterschätzen sich, fallen auf die Rolle ihres Gegenüber und die eigene Rolle herein. Und das gerade weil sie wissen, dass es nur eine Rolle ist.

In unserer heutigen Zeit gehört dazu auch, dass man persönlich wird. Ein Journalist braucht Profil, ein Politiker soll authentisch sein, eine Schauspielerin mit ihren Gefühlen arbeiten. Eine professionelle Distanz gibt es kaum noch.
Der Journalist und die Schauspielerin gehen sich deshalb beinahe von Anfang an an die Kehle, an die Titten und an die Eier. Sprechen frei heraus über verunglückte Kinder, Menschen, mit denen man fickt und die Leere im Kopf.
Sie versuchen sich auch beinahe von Anfang an an die Seele zu gehen. Den Journalisten packt nach anfänglichem Widerwillen der Ehrgeiz und er versucht das dunkle Geheimnis der Schauspielerin zu ergründen und sei es um den Preis sein eigenes dunkles Geheimnis zu offenbaren.

Und die Schauspielerin? Wandelt sich und ist nie ganz greifbar. Definiert sich höchstens über das, was sie nicht ist und was sie nicht will. Sie biegt sich im Ansturm des Journalisten wie der Bambus im Sturm und peitscht überraschend und vernichtend zurück, als er sich scheinbar triumphierend abwendet.

Auf dieser Ebene betrachtet ist das Stück deprimierend. Auf ein paar anderen Ebenen bin ich fasziniert. Wenn mein Gedächtnis besser wäre, hätte ich Stefanie von Poser gleich aus Schlusspunkt wiedererkannt. Auch das so eine Geschichte, in der sich zwei Menschen kunstgerecht zerfleischen und dem Zuschauer dabei so sehr die Fetzen um die Ohren fliegen, dass er nicht weiß, wer der Schuldige ist und ob es überhaupt einen Unschuldigen gibt.

Und was für ein Schauspiel! Eine Schauspielerin, die eine Frau spielt, die eine Schauspielerin spielt. Und wie sie spielt!
Ein Schauspieler, der in seiner Kurzinformation "Melken" als besondere Fertigkeit angibt.
Und wie er melkt!

30.04.2015

Wann sich Dein Buch lohnt

1.
Um 1 Seite zu schreiben, brauchst Du mit Planung und Nachbessern im Schnitt 2 Stunden.
Bei 100 Seiten also 200 Stunden.

Um 100 Seiten zu lesen, braucht ein Leser im Schnitt 4 Stunden.
Dein Buch lohnt sich also ab 50 Lesern.


2.
Für 100 Seiten würdest Du, nach Stunden bezahlt, einen Mindestlohn von 1.700 € bekommen.
Pro verkauftem Buch bekommst Du etwa 1 €.

Dein Buch lohnt sich also ab 1.700 Verkäufen.


3.
Dein Buch hat ein Urheberrecht von 70 Jahren.
Dein Buch lohnt sich also, wenn Du höchstens 69 Jahre alt wirst.


4.
Du hast Spaß daran, Dein Buch zu schreiben.
Dein Buch lohnt sich.

13.04.2015

Terra Gaga

Ze do Rock ist auf eine Art und Weise authentisch, die ihn immer irgendwo zwischen MOLIP (more or less important person) und TUP (totally unimportant person) schwanken lässt.
Egal ob er über aktuelle Themen schreibt, wie in jede sekunde stirbt ein nichtraucher oder sich wie aktuell mit dem Programm "Terra Gaga" (am 09.04.2015 in München) auf die Bühne stellt: Seine Mischung aus Genialität & Gaga, Ernsthaftigkeit & Eselei passt in keine Schublade, wahrscheinlich noch nicht mal in einen Schrank.

Ze geht inzwischen stramm auf die 60 zu, aber das merkt man nur an manchen Witzen. Wenn er in seinen quietschgelben Hosen und im Hawaiihemd - pardon - Maritiushemd durch sein Programm stolpert und mit der Technik kämpft, versprüht er dabei eine Energie, die man wahrscheinlich auch dringend braucht, wenn man sich die ganze Welt anschauen will - und sei es nur die Flughäfen um gleich nach der Landung wieder abgeschoben zu werden.

Zu Höchstform läuft er auf, wenn er sich selbst zu mehr oder weniger ruhigem Dasitzen zwingt und aus seinen Werken vorliest. Netterweise wirft er den Text dabei gleichzeitig an die Leinwand, damit das Publikum zwischen Sigfridisch, Kauderdeutsch, Ultradeutsch und den anderen Sprachvarianten nicht den Über- und Durchblick verliert - ein aussichtsloses Unterfangen.
Das Schöne daran ist ja gerade, dass man am Schluss nicht mehr weiß, was man da gerade hört und was es bedeuten soll - allerdings kein Grund traurig zu sein.

Was aber die obligatorische Bewertung um so schwieriger macht. Der Auftritt im Schlachthof war die Premiere und jeder Zuschauer durfte für die einzelnen Programmteile (außer die Pause) Noten verteilen. Man kann sich also sicher sein, dass keine Aufführung von Terra Gaga so sein wird wie die vorangegangene.

Achso: Für mich persönlich ist Ze ein VIP.

1+

Was ich so lese