31.10.2008

Den perfekten Füller einschreiben

Bei dem ganzen Overkill an Schreibwerkzeugen hab ich Sehnsucht nach meinen guten alten Füllern bekommen und meine Lieblinge aus Mäppchen und Ablagen zusammengeklaubt. Meine Sammlung besteht aus zwei Pelikan Level L 65, einem ganzen Rudel weiterer Pelikan-Füller einem Parker-Verschnitt, einem Lamy und einem Elysée. In dunklen, verstaubten Ecken liegen bestimmt noch mehr.

Dabei ist mir dann auch gleich wieder eingefallen, dass es unter den Füllern auch ein paar Drecksdinger gibt, die außer Klecksen gar nichts können.
Ich habe sie zerlegt, geputzt, wieder zusammengesetzt und schließlich die Federn auf mich zugeschliffen.
Arrgh! Ich seh, dass man in den hinteren Reihen schon mit angespitzten Bleistiften auf diverse Körperteile von mir zielt. Kann man doch nicht machen! An den guten Federn herumschleifen! Blasphemie!
Doch, man kann und ich sag euch auch, warum man nicht nur kann, sondern auch sollte.
Es kursiert der Mythos von Schreibfedern, die sich auf ihren Besitzer einschreiben und deswegen auch nicht an Fremde ausgeliehen werden dürfen. Ich weiß nicht, aus welchem Jahrhundert dieser Mythos stammt, aber wahrscheinlich aus der gleichen Zeit, als man die "richtige" Temperatur für Wein festgelegt hat.Vielleicht galt das für weiche Federn mit einem hohen Goldanteil, wie sie früher hergestellt wurden, aber heutzutage haben hochwertige Federn eine Spitze aus einer verdammt harten Legierung. Man liest immer wieder was von Iridium, aber das ist auch schon wieder ein Mythos, „Iridium“ steht seit mindestens 40 Jahren für „harte Legierung“, die meist Osmium, Ruthenium, Rhenium, Rhodium, Wolfram oder irgendwelche anderen alchemistischen Zutaten enthält.
Hier von Chemie anzufangen würde zu weit führen, aber ihr könnt mir glauben, dass dieses Metall nicht mehr weit weg ist von Adamantium. Und das in jeder Füllerspitze und Kugelschreiberkugel!

Wenn ihr eine solche Feder auf normalem Papier auf eure Schreibweise einschreiben wollt, dauert es nicht ganz so lang wie die Alpen mit einem Seidentuch abzuschleifen, aber ihr werdet es trotzdem nicht erleben, dass ihr damit fertig werdet.
Ihr braucht also schon ein wenig Gewalt in Form eines Materials, das noch härter ist als eure Füllerspitze. Zum Beispiel die Bauchmuskeln von Chuck Norris, wenn der aber grad nicht in der Nähe ist, tut es auch sogenanntes Schmirgel- bzw. Polierleinen (z.B. Micromesh) oder wenn ihr mutig seid auch ein feiner Schleif- bzw Polierstein.
Bevor es losgeht, solltest du dir aber eine wichtige Frage stellen:
Warum überhaupt ‚einschreiben’? Schreibt doch wunderbar!
Richtig, dafür wurden Schreibfedern ja schließlich konstruiert. Aber sie wurden auch für einen Massenmarkt konstruiert d.h. du kannst mit ein und derselben Feder genauso gut schreiben, wie deine doofe kleine linkshändige Schwester.

Daran ist nichts falsch, aber wenn du das kleine Bisschen extra aus deinem Schreibgerät herausholen willst, dann kommst du um eine personalisierte Feder nicht herum.
Das Minimum ist es, die Spitze des Füllers auf absolute Glätte zu polieren. Und das kann man gefahrlos auch zu Hause machen.
Du kannst deinen Füller / Füllfederhalter zu einem Experten wie Nibs.com oder Richard Binder schicken und das solltest du auch, wenn er teuer war.
Falls du aber nur deinem alten Lamy oder Pelikan neues Leben einhauchen willst, dann schnapp dir Schleifmittel, Schmierpapier, Tücher, Tinte und eine Lupe und überleg dir, was dein neues Baby im Moment kann und was es können soll.
Die gängigen Schreibfedern haben eine runde Spitze, die in alle Richtungen gleich dick oder dünn schreiben. Manche lassen sich beabsichtigt oder unbeabsichtigt auch dazu verwenden dünner zu schreiben, wenn man sie um 180° dreht, aber das war’s auch schon.
Schleift man die Spitze an, kann man nicht nur das Schreibgefühl verbessern, weil der Füller auf einem flachen ‚Fuß’ über das Papier gleitet, anstatt auf einer Halbkugel, man hat auch ein lebendigeres Schriftbild, in dem es unterschiedliche Schriftstärken gibt. Außerdem sind Federn nicht immer ganz fehlerfrei und ein bissi Tuning schadet nicht.
Und natürlich geht es hier vor allem um die Exklusivität. Wer schreibt denn heute noch mit einem Füller außer Schülern? Und wie viele von denen, die es tun, können behaupten, dass sie ein perfekt auf ihre Bedürfnisse abgestimmtes Schreibgerät haben?

Und wie geht das jetzt genau? Im Grunde ist eine Füllerspitze zu personalisieren einfach, wenn man einen Plan hat, wie sie aussehen soll und warum sie so aussehen soll. Ein flacher, kreisförmiger Fuß macht den Strich ein wenig Dicker und verbessert möglicherweise den Tintenfluss, eine ovale oder langgezogen rechteckige Form ergibt unterschiedliche Stärken, je nachdem in welche Richtung man den Strich zieht.
Wenn man sich die Form erst mal zurechtgelegt hat, arbeitet man sich vom groben Schleifpapier zum feinen vor. Je besser die Augen oder die Lupe, desto genauer kann man arbeiten, wenn es aber nur darum geht das Schreibgefühl zu verbessern, kann man aber auch seinem Fingerspitzengefühl vertrauen. Meist ist es hilfreich, wenn man die Feder immer in einer Richtung über die Schleif/Poliergrundlage zieht und den Füller so hält, wie man ihn auch beim Schreiben halten würde. Hat man die grundlegende Form hinbekommen, kommt das nächstfeinere Schleifpapier. Man kann dabei gar nicht genug Zwischenstufen einbauen, bis man schließlich an das Polieren geht. Am besten immer mit so wenig Druck wie möglich, auch wenn das ewig dauert. Aber so kann man sich einigermaßen sicher sein, dass man nichts kaputt macht. Am Schluss sollte die Feder wie Butter in einer heißen Pfanne über das Papier gleiten und nicht zu hören sein.

Noch ein paar Worte zu meinem momentan teuersten Füller, einem Stück der Marke Elysée die es inzwischen nicht mehr gibt. Er hat ein Design, das die Weltkarte aus 12er bzw. 24er Gold darstellt und eine vergoldete Feder. Ich habe ihn vor ettlichen Jahren bekommen und er hat anfangs einige Probleme mit dem Tintenfluss gehabt. Inzwischen fließt die Tinte zwar wie sie soll, aber langsam geht der Lack ab und die Tinte hat an vielen Stellen das Blattgold von der Feder abgelöst. Hat was von einer alten Jeans, deren Alter man auch sieht und da der Füller vergleichsweise preiswert war, kann man ihm auch ein paar Schwächen verzeihen. Also Einsteigermodell taugt er allemal was und wer sich überlegt erste Erfahrungen mit hochwertigeren Füllern zu sammeln, der kann seine Augen bei ebay offen halten, wo man die Marke Elysée noch findet.

Was ich so lese