12.05.2014

Richtig leben 1 - was bin ich wert?

Fragt ihr euch auch manchmal, wie man richtig leben müsste, wenn man nur konsequent genug dafür wäre? Anregungen dafür gibt es ja genug: Die Religionen haben dieses Thema für sich gepachtet (glauben sie), die Gesellschaft hat feste Erwartungen (und wehe man stellt sie in Frage) und wer mutig genug ist, lebt einfach so, wie es ihm passt.

Um es gleich vorwegzunehmen: Ich weiß auch nicht, wie man richtig leben müsste, aber vielleicht wollt ihr euch ja mit mir zusammen ein paar Gedanken darüber machen.


Was ist der Mensch überhaupt wert?  

Gestern war ich in "Was bin ich wert?", einem Film von Peter Scharf. Darin geht er der Frage nach, ob und wie sich der Wert eines Menschen berechnen lässt. Er beginnt mit den Elementen, die in seinem Körper stecken. Für Kohlenstoff, Sauerstoff usw. springen ungefähr 1.800 € raus, wenn ich das richtig in Erinnerung habe. In der nächsten Stufe der Wertschöpfungskette sieht das wahrscheinlich ein wenig anders aus. Für die chemischen Verbindungen wie Adrenalin, Endorphin, Magensäure usw. müsste man ein wenig mehr bezahlen, denke ich, aber das lässt er aus.
Er macht gleich eine Stufe höher weiter. Wenn man weiß wo man hingehen muss und keine (moralischen) Bedenken hat, kann man mit regelmäßigem Blutspenden, Samenspenden und dem Verkauf seiner Haare ein paar hundert Euro im Jahr dazuverdienen.

In seltenen Fällen hat man auch die Chance Organe legal zu verkaufen, wie z.B. Tim Steiner der sich den Rücken tätowieren ließ und sich jetzt 2 Mal im Jahr ausstellen lassen muss / darf. Wenn er tot ist, wird ihm die Rückenhaut abgenommen, präpariert und geht in den Besitz des Sammlers über, der sie schon jetzt gekauft hat. Dafür gab es eine 6stellige Summe.

Man kann aber auch Schadensersatzansprüche heranziehen, um auszurechnen, was der Körper des Menschen wert ist. Alles zusammengerechnet kommt man inklusive geistiger Gesundheit auf einen Betrag zwischen 1 und 2 Millionen Euro.


Schadenersatz und VSL

Auf diesem Aspekt schießt sich der Film für eine Weile ein. Wie viel haben die Angehörigen diverser Katastrophen erhalten? Sind die 1.000 Dollar gerechtfertigt, die an die Angehörigen der Bhopal-Kathastrophe erhalten haben? Sind es die 2 Millionen, die für die Opfer der Costa Concordia gefordert werden?

Oder ist es der Wert, den sich ein Mensch selbst gibt? Frag 3 Experten und du bekommst 5 Antworten.

Im Film wird der Value of Statistical Live (VSL) angesprochen. Um den zu ermitteln geht man so vor: Stell Dir vor, du bist in einem Fussballstadion mit 10.000 Menschen, von denen einen sterben wird. Das könntest Du sein oder der Typ, der im Maskotchenkostüm steckt. Wie viel würdest Du dafür zahlen, um aus dieser Gruppe herausgenommen zu werden? Diese Frage stellt man allen 10.000 Leuten, und rechnet alles zusammen. Voila, man hat einen Wert, den eine Gesellschaft bereit ist für ein Menschenleben auszugeben.
Das ist kein philosophisches Gedankenexperiment, sondern wird auch bei uns in der Praxis eingesetzt.
Stell Dir vor es gibt eine Kreuzung, an der alle 3 Jahre jemand überfahren wird. Rechtfertigt das, 1 Million € für eine Ampel auszugeben? Sind die Steuerzahler bereit, so viel dafür herzugeben?

Richtig interessant wird es, wenn Kompensationszahlungen für eine nationale Tragödie wie die Anschläge vom 11 September gezahlt werden sollen. Das hat die US-Regierung übernommen, denn sie hatte kein Interesse daran, dass die Fluglinien verklagt werden und deshalb bankrott gehen.
Den Wert der Menschenleben sollte Ken Feinberg ermitteln. Ich kenne den Mann zwar nicht näher, aber das Interview mit ihm war irgendwie gruselig. Schon allein dafür lohnt es sich, den Film anzuschauen.
Seine Vorgehensweise war einfach: Man rechnet zusammen, was der Verstorbene in seinem Leben noch verdient hätte, packt für jedes Kind noch einen Batzen drauf und zieht ab, was seine Angehörigen von der Lebensversicherung und Co. bekommen haben. Und entscheidet dann nach Gutdünken. Für den alten Tellerwäscher gibt es deshalb viel weniger als für den jungen Börsenmakler. Im Durchschnitt war ein Leben 1,8 Millionen Dollar wert - steuerfrei, wie Feinberg betont.
Damit würde ich bei mir selbst auf eine Summe von weit unter einer Million kommen.

Nur mal so nebenbei: Er hat sich pro bono darum gekümmert, der Anwalt der Angehörigen der Opfer auf der Costa Concordia nimmt dagegen satte 35 % von den Kompensationszahlungen.


Billige Menschenleben

Oder man geht von der anderen Seite an die Sache ran und schaut mal, wie viel Geld man braucht, um ein Menschenleben zu retten. Ein paar Euro um ein Kind in Afrika zu impfen? Ein paar hundert Euro um einem Jugendlichen in Glasgow eine Perspektive zu bieten und so seine Lebenserwartung um ein oder zwei Jahrzehnte zu verlängern?

Je nach Kontext ist ein Menschenleben viel Geld oder gar nichts wert. Ob Dich das deprimiert oder in Hochstimmung versetzt, muss Du selbst entscheiden.

Der Film läuft auf diversen Festivals und ist im Oktober 2014 offiziell im Kino zu sehen.


Was ich so lese