19.12.2007

Deus X

Ein Gedankenexperiment von Norman Spinrad, übersetzt von Peter Robert.

Deus X aus dem Jahr 1992 beginnt am Ende. Am Ende der Welt, um genau zu sein. Die Pole sind abgeschmolzen, Holland und viele andere Küstengebiete ein überfluteter Sumpf und das Inland wird von ungefilterter UV-Strahlung niedergebrannt. Dafür hat die Computertechnik große Fortschritte gemacht und es ist Gang und Gäbe dem menschlichen Bewusstsein ein digitales Nachleben im Big Board, Spinrads Version des Internets zu verschaffen. Natürlich nur, wenn man sich das leisten kann.
Und so treiben sich im Cyber-Space allerhand Loas und Geister herum, vielfach als abgespeckte Expertensysteme ohne Ich-Bewusstsein, die niedere Dienste verrichten, wie U-Bahnen zu steuern.

Und es gibt einen Mann, der mit den elektronischen Geistern spricht: Philip Marlowe, der knallharte Privatdedektiv, der seinen Whiskey in den Neonschatten am liebsten pur trinkt.
Äh... hoppala, falsch, der Mann heißt Marley Philippe, schippert auf seinem Boot der 'Mellow Yellow' über die Weltmeere und zieht sich dabei einen Joint nach dem anderen rein.

Sein Frieden wird gestört, als er eines Tages in der Nähe von Italien einen Anruf von einem Kardinal der Katholischen Kirche bekommt. Die Katholische Kirche hat inzwischen die Päpstin Maria I. auf dem Fischerthron und arge Probleme ihre Gläubigen unter ihrem Mantel zu behalten, seit ein früherer Papst den elektronischen Geistern den Besitz einer Seele abgesprochen hat.
Die Kirche selbst ist gespalten über diese Frage und so beschließt Maria I. die Sache ein für alle mal zu klären.

Sie überzeugt den totkranken Kritiker Pater Pierre de Leone sein Bewusstsein ins Big Board übertragen zu lassen. Von dort aus soll er klären, ob er als elektronisches Konstrukt immer noch eine Seele besitzt oder nicht. Doch kaum ist er tot (oder auch nicht tot) und auf den Rechnern des Vatikan angekommen, ist er auch schon wieder verschwunden.

Ein Fall für Marlowe... äh Philippe.

Der findet schnell heraus, dass de Leone von einer "systemimanenten Wesenheit" entführt worden ist und schafft es auch mit dieser Wesenheit - dem Vortex - Kontakt aufzunehmen. Der Vortex ist so eine Art Schwarmbewusstsein, das sich aus den freien Geistern des Big Boards gebildet hat und schon lange nicht mehr an eine bestimmte Hardware gebunden ist. Der Vortex kann also auch nicht mehr gelöscht werden. Aber er hat ein Problem: Er würde gerne wissen, ob er eine Seele hat, oder nicht. Dazu braucht er de Leone.
Von da ab ist eigentlich klar, wohin die Reise geht. De Leone entwickelt sich zu einer Art Jesus für das Big Board und versammelt die Gemeinde der digitalen Geister um sich. Sie übernehmen die Herrschaft über alle Systeme, legen Fabriken lahm, die immer noch die Luft verpesten und verwehren den Zutritt zu Schutzgebieten.

Der Kirche bleibt nichts anderes übrig, als dem Geist in der Maschine eine Seele zuzusprechen und damit den Weg freizugeben für ein Leben, das nicht mehr auf der "Meatware" basiert, die auf einem sterbenden Planeten so oder so dem Untergang geweiht ist.

Die Geschichte wird im Wechsel aus der Sicht von Philippe und de Leone erzählt, wobei de Leone bis zum Schluss am Zweifeln ist, was oder wer er ist, mal ganz abgesehen davon ob er eine Seele hat. Und sie macht durchaus Spass zu lesen. Spinrad spielt routiniert mit bekannten Versatzstücken aus der Kulturgeschichte. Angefangen bei der Hauptfigur, über Anspielungen an Pop-Songs, Literatur (Alice im Wunderland) und Filmklassiker (Frankenstein). Ach ja, und natürlich immer wieder die Bibel.

Aber man muss zwei gedankliche Sprünge mitmachen. Erstens die Digitalisierung des menschlichen Bewusstseins und zweitens die Selbsterhöhung de Leones zum Heiland der digitalen Welt, die beide unerklärt bleiben. Auch über die philosophisch-theologischen Gespräche zwischen Philippe und de Leone kann man sich streiten.

Bestimmt nicht das innovativste Buch von Spinrad, aber alles andere als schlecht.

Es gibt übrigends auch ein Buch von Joe Citro, dass "Deus-X" heißt und in dem es um Verschwörungstheorien geht.

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