11.12.2007

Charons zweiter Brief

Charon hat sich wieder gemeldet, nachdem er eine Weile nur Bilder geschickt hat. Ich muss gestehen, dass ich eine Weile von den Vorräten gezehrt habe und das immer noch mache. Ich glaube das ist eine Art von Rückversicherung. Also dranbleiben, ich habe noch ein paar Seiten aus "Die Narbe" in der Pipeline.

Was mir aber keinen Vorteil verschafft, ehrlich. Ich bin genauso verwirrt wie ihr.

Charon aber auch, wenn ich mir seinen Brief so durchlese...

Diese Welt ist seltsam. Seltsam und erschreckend. Erschreckend weil es keine Götter gibt, die den Lauf der Dinge lenken. Und der Lauf der Dinge? Niemand weiß, wohin er führen wird. Die wenigen Glücklichen, die es erahnen, gehen unter in einem Meer aus Profezeihungen und Voraussagen, die sich widersprechen. Diese Welt ist das durchsichtige Labyrinth, von dem die Weisen sprechen. Der Ort, der die Seele rauben kann, wenn man nicht auf sie Acht gibt. Es gibt keine Magie hier. Nur Magier. Ohne sie wäre ich verloren. Manchmal bin ich das immer noch, aber zumindest habe ich jetzt einen Ort, an dem ich sein kann. Eine Basis.
Sicheren Grund.

Ich habe keine Ahungung, wie lange ich durch die Wälder geirrt bin und mich von allem möglichen ernährt habe. Meine Arme sind immer noch bedeckt von Schorf. Sie sagen, ich hätte gelebt wie in der Steinzeit. Was für ein Sprung... Aus der Steinzeit ins Computerzeitalter. Ich weiß jetzt, was das ist. Sowohl was die Steinzeit ist, als auch was ein Computer ist. Und wie viele unvorstellbare Jahre dazwischen liegen. Es macht mir noch Mühe die Zeichen zusammenzufinden, aber ich kann damit kommunizieren. Ich kann meine Worte wie Spürhunde losschicken, um Lisa zu finden.

Melanie ist beunruhigt. Ich lese, was sie schreibt und weiß warum. Glaube es zu wissen. Wir blicken durch einen blinden Spiegel in ein zersplittertes Glas, in dem ein blinder Spiegel zu sehen ist... Ich muss Lisa finden. Einen Weg finden, zu ihr zu gelangen. Bevor es vielleicht zu spät ist.

Aber es gibt keinen Weg nach drüben. So viel weiß ich. Der Rest ist in den Scherben der zerbrechenden Spiegel untergegangen.

Die Magier konnten meinen Verstand retten, aber nicht was darin enthalten war. Wer bin ich? Charon. Dieser Name kann nicht von irgendwoher gekommen sein. Er hat eine Bedeutung, welche auch immer. Ich habe gelernt. Fakten über diese Welt. Charon. Er ist ein Lichtgott. Ein Sohn der Nacht und der Dunkelheit. Bruder von
Naturgewalten wie Rache, Tod und Schlaf. Und dennoch nur ein... wie soll ich es ausdrücken? Ein kleines Licht. Ein Fährmann.

Verwirrend.

Vor einer Sache fürchte ich mich: Wenn ich diese Welt kennen lerne, vergesse ich dann, was ich von meiner eigenen weiß? Die Magier - sie nennen sich Ärzte - glauben nicht, dass ich eine eigene Welt habe. Sie glauben mir ebenso wenig wie Melanie. Und in manchen Momenten, wenn ich ihre Räume verlasse, kann ich mir vorstellen, wie es ist sich einfach fallen zu lassen, aufzugeben und ihnen einfach zu glauben. Es wäre um so vieles einfacher. Dann würde ich wissen, dass ich krank bin und mir helfen lassen. Ich müsste nichts weiter tun als wieder gesund zu werden. Aber ich weiß was ich weiß. Ich weiß auch, dass niemand unbeschadet in diese Welt kommen kann. Melanie hat es nicht geschafft. Ich kann mit ihr sprechen, aber was sie mir sagt macht keinen Sinn. Was sie schreibt macht Sinn. Auf eine Gewisse Art und Weise.

Ich muss versuchen von hier fort zu kommen. Regensburg, diese Anstalt. Die Mittel, die sie mir geben. Ich werde auf Dauer nicht wiederstehen können. Aber nach mir wird kein anderer kommen. Es hat viele Jahre gedauert, bis ich die Festung gefunden habe, von der Melanie schreibt. Schreibt sie deswegen darüber, weil ich davon gesprochen habe? Bilde ich mir das alles nur ein, weil ich ihre Worte gelesen habe? Und wer ist Charon, der das Buch "Die Narbe" geschrieben hat? Bin ich das? Melanie konnte mir nicht sagen, wer ihr das Buch gegeben hat. Oder wollte sie nicht? Es kann kein Zufall sein, als sie erst begonnen hat zu schreiben, nachdem ich sie gefunden hatte.
Aber was bedeutet das?

Und wieder der Zwiespalt über den kein Fährmann den Weg weist. Ich würde gerne bleiben, lesen was Melanie schreibt, aber ich kann nicht. Ich kann sie auch nicht mit mir nehmen. Die Flucht alleine wird schwer genug. Hier gibt es Tore, die kein Rammbock überwinden kann und Schlösser, die keinen Schlüssel kennen. Eine seltsame Welt.
Lisa ist irgendwo da draußen, oder zumindest der Weg zu ihr.
Ich muss von hier fort. So viel steht fest. Je schneller, desto besser. Aber ich darf meine Spürhunde nicht vergessen.

Vielleicht finden sie etwas... Vielleicht kann ich Melanie dazu bringen das zu tun, was ich gemacht habe: Die Seiten verbreiten. Vielleicht werde ich sehen, ob sich etwas an dem ändert was sie schreibt, wenn ich fort bin.

Charon

Was ich so lese