13.07.2010

Genius und Dämon

Kurzfassung:
- Ich hatte letzte Woche Besuch von einem Genius

Langfassung:
Letzte Woche hatte ich ein Erlebnis, oder besser gesagt eine Reihe von Erlebnissen, die meinen Horizont erweitert haben.
Als Schriftsteller kann man verschiedene Herangehensweisen an seine Arbeit wählen. Man schreibt sich von der Seele, was man erlebt hat, man lotet aus, was in einem verborgen liegt oder man lässt den Verstand seine Arbeit tun. Jeder Schriftsteller arbeitet anders und jeder Schriftsteller wird von seiner Arbeit ein wenig verändert.
Es gibt solche, die diesen Prozess völlig kontrollieren, es gibt solche, die sich davon zerreißen lassen und in Alkohol und Depressionen versinken (abgelöst von Eruptionen des Hochgefühls und der Kreativität) und es gibt solche, die sich darüber überhaupt keine Gedanken machen.
Es ist auch nicht nötig, darüber nachzudenken, aber es hilft und wenn man Glück hat wird man dazu gezwungen.

Die meisten von euch werden von einem "Flow-Erlebnis" gehört haben, einem Zustand des totalen Aufgehens in der eigenen Arbeit in dem alles andere um einen herum ausgeblendet wird und man nach Sekunden, Minuten oder sogar Stunden aufblickt und sich fragt, wie lange die Nudeln jetzt wohl schon kochen.
Aber es gibt noch mehr. Es gibt noch etwas anderes. Es gibt den Zustand des Genies. Des Genius. Heute ist man ein Genie, aber früher hatte man einen Genius. Einen Geist, der Einflüsterung, dem man nur zuhören muss, um kreativ zu sein.
Und so ein Geist hat mich letzte Woche begleitet.
Ich habe am Wochenende die Schreibarbeit an "Amok Symphony", dem 4. Band der Memphisto-Pentalogie beendet und brauchte etwas, das mich davon ablenkt, bevor ich mich an die Überarbeitung mache. Also habe ich das Textdokument mit den Hürnin geöffnet, das ich irgendwann vor etwa 2 Jahren angefangen habe.
Ich habe angefangen zu lesen, ein paar Sachen geändert und dann weitergeschrieben.

Und ich konnte nicht mehr aufhören.

Die Sätze rasten durch meinen Kopf und ich bin mit dem Tippen kaum nachgekommen. Zum ersten Mal bin ich auch nicht an einzelnen Wörtern hängen geblieben. Ich bin durch die Absätze gerast wie ein Slalomfahrer durch die Stangen und auch als ich aufhören musste, weil die Arbeit bei der man Geld verdient rief, hat mich mein Kopf nicht in Ruhe gelassen und die Geschichte weiter geschrieben.
Das ging drei oder vier Tage so, bis ich mich wieder "Amok Symphony" zugewendet habe.
Beim Überarbeiten schweigt die Stimme in meinem Kopf und ich weiß nicht, ob sie wieder da sein wird, wenn ich "Die Hürnin" das nächste mal öffne.

Ich weiß auch nicht, ob ich das wirklich will. Versteht mich nicht falsch, es ist ein unbeschreibliches Gefühl die Finger einfach laufen zu lassen und dem Genius zu vertrauen, aber woher weiß ich, dass der Genius (von den Griechen auch passenderweise Dämon genannt) mich nicht an Orte führen wird, an denen die Schatten der Unterwelt auf mich lauern? Woher weiß ich, dass ich keiner von denen bin, die zu schwach sind, um die Stimme des Genius auf Dauer zu ertragen?
Ich kann es nicht wissen. Ich kann ihm nur folgen oder mich weigern. Keine Ahnung ob er für meine Bitten mich schonend zu behandeln zugänglich ist.


Bleibt bei mir, wenn ihr wissen wollt, wie es weitergeht.


Hier noch ein Video von Elisabeth Gilbert, das ihr euch ansehen solltet, falls euer Genius kein Unbekannter für euch ist:

Was ich so lese