11.02.2009

Ich weiß es ist falsch

Ich weiß das ist falsch.
Grundlegend falsch.
Aber auch wirklich sowas von falsch.
Noch falscher.

Man sollte sich in der Öffentlichkeit nicht selbst runtermachen. Schon gar nicht, wenn man will, dass einen die Leute gut finden und vielleicht sogar Bücher kaufen (ach ja: Amazon und Co. sind noch nicht so weit, aber das Buch heißt 'Alice on Speed' und die ISBN ist 9783940313058. Ihr könnt eure Buchhändler damit nerven, das Ding bei mir bestellen (mit Widmung und einem Extra) oder noch besser ihr ladet mich zu euch ein, dann mache ich eine Lesung nur für euch und eure begehrenswerten Freundinnen. Aber das wollt ihr sowieso nicht, denn wer will schon einen Nörgler bei sich zu Hause haben?)

Wo war ich? Ach ja: Man sollte sich in der Öffentlichkeit nicht niedermachen, noch nicht mal rumjammern. Man sollte "Tschacka!" schreiend durch den Urwald holzen und die ganze verblödete Affenbande mit sich ziehen oder vor sich hertreiben.

Mach ich aber nicht. Könnt ihr vergessen. Warum? Weil es mir gegen den Strich geht. Weil es mich ankotzt. Weil ich kaum irgendwo sein kann, wo ich mich nicht frage, was ich hier eigentlich mache. Besonders wenn es um Dinge geht, die ich eigentlich gern mache. Zum Beispiel ins Kino gehen.
Es gibt da immer diesen Moment, nachdem die Studios ihre blöden Logos abgefeiert haben und die Namen der Schauspieler eingeblendet werden in dem ich mir überlege, warum ich jetzt nicht einfach aufstehen und gehen sollte. Das Leben leben, anstatt hier 2 Stunden in einem Sessel zu sitzen und nach vorn zu starren. Ich stehe dann doch nicht auf, aber ich frag mich, woher dieser Gedanke überhaupt kommt.

Oder bei einer Lesung. Wie neulich wieder. Zwei junge, dynamische Typen, die intelligent, beredt und auch ein wenig routiniert ihre Texte lesen und ich frag mich wieder, was ich dort eigentlich soll.
Damit wir uns nicht missverstehen: Die Texte waren gut. Ich würd mich freuen, wenn ich so schreiben könnte, aber sie stanken nach post-gymnasialem Betroffenheitsgeschreibe. Wisst ihr was ich meine? Diese spezielle Art zu schreiben, die in sozialen oder sonstigen Randgruppen nach Themen angelt und die fauligen Fische, die sie rauszieht dann noch mit ein wenig Blut, Eingeweiden, Gewalt und Sex würzt.
Ja, so ist das Leben, kleine Kinder sind grausam und überhaupt kann man über eine Welt nach Ausschwitz nur zynisch schreiben, aber es ist so nichtssagend. So austauschbar. So in Mode und das schon seit ich 13 bin.

Wo sind die Schreiber, die sich trauen, das zu lesen, das weniger intelligent ist und dafür mehr Spaß macht? Wo sind die, die in ihrem unverständlichen Hinterwäldler-Dialekt was von der Wurst erzählen? Wann wurde zuletzt in einer seriösen 'lierarischen' Lesereihe ein Stück Scifi oder Fantasy vorgelesen?
Klar, es gibt sie und ich kenne auch den einen oder anderen, aber im Moment bin ich grad so schön am kotzen, da möchte ich mir von denen nicht die schlechte Laune verdeben lassen. Tschuldigung, vielleicht das nächste Mal, ihr könnt euch ja bei mir melden, dann komm ich zu eurer Lesung.

Und mal abgesehen davon: Ich bin ja auch nicht besser. Was mich zum Dilemma bringt, was ich lesen soll, wenn ich in einem Monat dran bin. Am liebsten würde ich mich mit meinem Glas Wasser, einem Stapel Papieren und gewichtiger Mine auf den Stuhl setzen, das Mikrofon zurechtrücken und dann einfach nur sagen:

Schriftsteller sollten schreiben und nicht vorlesen.

Und dann wieder gehen. Das wäre Chuzpe. Aber das trau ich mich nicht. Ein Feigling bin ich nämlich meistens auch.

Na gut, ich hab meine lichten Momente so wie neulich, als ich nach der Lektüre von "Der Club der toten Dichter" zum Telefon gegriffen habe. Aber in der Regel hab ich Angst vor der eigenen Courage.
Und das frustriert mich. Und die Frustration macht mich zu einem Menschen, der ich nicht sein möchte.

Es gib eine Warnung, die - glaube ich - im Talmud steht:


Achte auf deine Gefühle, denn sie werden deine Gedanken.
Achte auf deine Gedanken, denn sie werden zu Worten.
Achte auf deine Worte, denn sie werden zu Taten.
Achte auf deine Taten, denn sie werden zu Gewohnheiten.
Achte auf deine Gewohnheiten, denn sie bilden deinen Charakter.
Achte auf deinen Charakter, denn er bestimmt dein Leben.

In meinem Kopf sind diese Worte meist präsent. Ebenso wie die Erkenntnis, dass ich sterben werde. Vielleicht nicht gleich heute, vielleicht aber doch.
Ich habe Angst davor. Mal mehr mal weniger. Das wäre nicht so schlimm, wenn diese Angst auch die Kraft bringen würde, Ideen einfach auszuprobieren, aber so scheint das nicht zu funktionieren. Zumindest nicht bei mir. Bei mir wirkt Zuckerbrot. Bei mir wirken die toten Dichter.
Und bei mir wirkt noch einiges andere, das ich nicht verstehe.

Nehmen wir besagtes Telefonat. Stellt euch ein Gespräch zwischen zwei Menschen des Wortes vor. Ein Mensch des geschriebenen Wortes, der mit einem Computer aufgewachsen ist und nur so schnell denken kann, wie er schreibt und ein Mensch des gesprochenen Wortes, der mit einem Telefon aufgewachsen ist und der mehr kann als nur denken.
Ich bin mir wie ein Idiot vorgekommen. Was aber nicht schlimm ist, schließlich bin ich ja manchmal ein Idiot.
Wie Felix Knecht in meinem Buch bin ich jedes mal ein anderer, wenn ich es mit anderen Menschen zu tun habe. Nicht so extrem wie Felix, aber doch deutlich. Meine Stimme verändert sich. Meine Sprache verändert sich. Wahrscheinlich auch mein Denken.

Aber bei ihr - natürlich ist es eine sie, es ist immer eine sie - ist es so, als hätte irgendjemand ein Tuch über den Spiegel geworfen. Zwiegespräch im Blindflug.
Es ist beängstigend.
Es ist beschämend auf eine gewisse Art und Weise.
Und es macht süchtig.

Ich werde dieses Rätsel nicht lösen können, weil es im Grunde nichts Außergewöhnliches ist und ich erst ein Rätsel daraus gemacht habe und es wird bald wieder durch etwas anderes abgelöst werden, das meinen Kopf am laufen hält, aber ich weiß, dass es mich trotzdem immer begleiten wird.

Und noch etwas anderes wird mich begleiten: Der Hang zu Trotzhandlungen. Der Hang in Rollen zu flüchten. Auf einer Party ein Notitzbuch zu zücken und zu schreiben, nur um mit niemandem reden zu müssen. Jemanden in eine Geschichte einzubauen anstatt denjenigen in mein Leben einzubauen.

Es ist alles nicht so schlimm wie es sich anhört. Und es wird wahrscheinlich auch niemals so schlimm werden, aber man weiß ja nie. Sagt mir Bescheid, wenn ich anfange Stimmen zu hören und mich seltsam zu verhalten, ja?

Und bis dahin: Achtet auf eure Gefühle, denn sie werden eure Gedanken.
Macht ansonsten was ihr wollt, kauft mein Buch und kommt am Sonntag zur Buchpräsentation, wenn ihr in München seid.

Dort werde ich nicht jammern. Dort werde ich euch zeigen, wie man liest...

Was ich so lese