11.09.2008

Das Chasarische Wörterbuch [Review]

Ein Lexikonroman von Milorad Pavic

Ich habe das Chasarische Wörterbuch in der Auslage einer Buchhandlung in Hameln entdeckt und habe mich auf der Stelle verliebt. Es gibt so Bücher, die muss man nicht gelesen haben, um zu wissen, dass man sie mag. Sie müssen einem noch nicht einmal wirklich gefallen, man liebt sie trotzdem.

So geht es mir auch mit dem Chasarischen Wörterbuch, einem Lexikonroman in 100.000 Wörtern. Ich habe sie nicht gezählt, aber das ist auch gar nicht nötig. Schon allein die Behauptung besonders zu sein reicht manchmal schon die Besonderheit auszumachen.
Worum es in dem Buch geht ist nicht leicht zu beschreiben. Es geht unter anderem um die Bekehrung der Chasaren, eines Turk-Volkes, das nicht mehr existiert und von deren Poesie nur ein paar Papageien einige wenige Bruchstücke bewahrt haben.

Es geht um die Chasarischen Traumjäger, die aus den Träumen der Menschen den Körper des Übermenschen Adam Kadmon zusammensetzen und um zwei Menschen, die sich gegenseitig träumen. Die Realität des einen ist der Traum des anderen und umgekehrt.
Und es geht um viele andere Dinge. Um Weisheit und Wahnsinn, Liebe und Hass.
Ein Satz aus dem Buch, den ich mir gemerkt habe ist:

"Die Zeit ist der Teil der Ewigkeit, der sich verspätet."


Aufgebaut ist das Buch wie ein dreifaches Lexikon, denn zur Chasarenmission gibt es drei unterschiedliche Standpunkte: Den christlichen, den jüdischen und den moslemischen. Jeder der drei Religionen beansprucht für sich die Chasaren zu ihrem Glauben bekehrt zu haben.

So stößt man immer wieder auf die gleichen Gestalten und Begebenheiten, die mal gleich, mal ähnlich, mal ganz anders erzählt werden. Nicht so schön geradlinig wie im Film "Rashomon", aber was bedeutet schon geradlinig in einem Werk ergodischer Literatur. Ergodisch bedeutet, dass der Leser sich das Buch selbst erarbeiten muss. In diesem Fall ist das grenzwertig, denn man kann das Buch auch normal von vorne bis hinten durchlesen, aber es macht mehr Spaß den Verweisen und Kontradiktionen zu folgen, um sch selbst einen Reim aus dem Ganzen zu machen.
Man verläuft sich unweigerlich darin, aber mir persönlich macht es Spaß mich zu verlaufen.

Eigentlich müsste ich das Buch nochmal lesen, genauer gesagt die "weibliche" Version davon, denn diese unterscheidet sich ein wenig von der männlichen Version, die ich gelesen habe und im Appendix verrät der Autor, dass das Buch nur dann komplett ist, wenn man beide Ausgaben miteinander vergleicht.

Ein Page-turner ist das Buch nicht und ich habe ziemlich lange gebraucht, bis ich damit durch war. Aber es ist anregend. Natürlich war es in Michael Endes Bücherregal zu finden und ich würde mich nicht wundern, wenn es auch noch in den Bücherschränken von anderen Schriftstellern steht, die ich mag.

Fazit: Kein leichtes Buch, für einen Leser vielleicht noch nicht einmal ein gutes Buch, aber für jemanden, der von Büchern mehr erwartet, als dass man sie lesen kann Pflichtlektüre. Denn selbst wenn es nicht immer unterhält, inspiriert es.

Was ich so lese