13.05.2008

Zum Parnassus!

Jacky von schriftsteller-werden hat einen kleinen Wettbewerb gestartet. Alles was man tun muss ist mit mehr als 500 Worten das beste Buch über das Schreiben vorzustellen. Da konnte ich mich natürlich nicht zurückhalten ziemlich hart an einer Themaverfehlung vorbeizuschrammen und meinen Senf dazuzugeben:

Nicht weit entfernt von meinem Schreibtisch hängt in der Pinakothek der Moderne eine der drei Fassungen von Carl Spitzwegs „Der arme Poet“. Das Bild zeigt einen griesgrämig dreinblickenden Dichter in seiner ärmlichen winterlichen Dachstube, über ihm ein Regenschirm, der auch schon mal bessere Tage gesehen hat. Im Ofen liegen die verkohlten Reste eines Manuskripts, davor zwei weitere Stapel mit gesammelten Werken, die nur als Befeuerungsmaterial taugen.

Jeder kennt dieses Bild, angehende Schriftsteller kennen es besonders gut und fühlen sich davon vielleicht auch auf einer tieferen Ebene angesprochen und verstanden:

Was ist die grausame Welt doch hart und kalt zu einem empfindsamen Herz, das nichts anderes will als dem Ruf der Musen hinauf zum Parnass zu folgen (und dabei reich und berühmt zu werden)! Das hat auch Spitzweg zu spüren bekommen, dem sein „armer Poet“ von der Kritik so niedergemacht worden ist, dass er von da an nichts mehr mit seinem Namen, sondern nur noch mit Monogramm unterschrieben hat. Heute ist es angeblich eines der beliebtesten Bilder der Deutschen.

Aber Spitzweg wäre nicht Spitzweg, wenn er einfach nur ein nettes Genrebild gemalt hätte. Gut, einen Da-Vinci-Code könnte man wahrscheinlich nicht darüber schreiben, aber es hatte schon seinen Grund, warum keiner das Bild mochte: Es machte sich mit einigen versteckten Hinweisen über das ordentliche Schreiberhandwerk und damit über die Kunst an sich lustig! Skandal!

An der Wand über dem Bett ist das Versmaß des Hexameters angezeichnet und vor der Matratze liegen einige dicke Wälzer, bei denen es sich wahrscheinlich um Literatur über das richtige Dichten handelt. Der Titel „Gradus ad Parnassum“ deutet das zumindest an. Der Parnass galt als Sitz der Musen und lateinische oder gar griechische Verse galten als Gipfel der Kunst. Und auf dem Gipfel ist der arme Poet tatsächlich angekommen. In einer Dachkammer über dem Rest der Welt, ganz vertieft in seine Gedanken – und das Ungeziefer, das er gerade mit seiner rechten Hand gefangen hat.

Ich halte nicht viel von Büchern, die mich zum Parnass führen wollen, genauso wie ich nicht viel von Kritikern halte, die mir sagen wollen, welcher der vielen Gipfel der echte Parnass ist. Ich halte viel von Kritikern, die in vielen Bergen den Parnass sehen können und wissen von welchen aus man den schönsten Blick auf kleinere Gipfel hat.

Gegen Schreibratgeber ist grundsätzlich nichts einzuwenden – ein wenig Handwerkszeug kann man immer brauchen – aber das Handwerkszeug zu vermitteln verträgt sich meist nicht so gut damit die Sehnsucht nach dem Wort zu wecken, frei nach dem Spruch dass wenn man mit jemandem ein Boot bauen will nicht viel erzählen soll von Rumpf, Leinen und Segeln, sondern es besser ist in ihm die Sehnsucht nach dem Meer zu wecken.

Und das hat bei mir bisher noch kein Schreibratgeber geschafft. Aber ein Leseratgeber. Noch dazu einer für Comics.

Comics richtig lesen von Scott McCloud war eine Offenbarung für mich. Es hat mir nicht nur gezeigt, wo Comics hergekommen sind, wie sie funktionieren und wo sie vielleicht hingehen, das Buch hat mir en passant auch noch einen Einblick in die Möglichkeiten des Erzählens gegeben. Und mir gezeigt dass die Möglichkeiten des Erzählens zu einem großen Teil davon bestimmt werden, was wir für valide Techniken halten und was nicht.

Chinesische Mönche schauten sich ihre Kung-Fu-Techniken von Tieren ab, es spricht also nichts dagegen Dir Deine Schreibe von Comics, Kochbüchern oder meinetwegen auch von Schachspielern abzuschauen, wenn Du das gut findest.

Aber man sollte vorsichtig bei der Auswahl seiner Lehrer sein, egal ob lebendig, oder in Buchform und möglichst viel selbst ausprobieren, um zu sehen was funktioniert und was nicht. Das fängt bei diesem Text hier an. Erst wenn Du Deinen eigenen Artikel über Schreibratgeber geschrieben hast, wirst Du wirklich mehr darüber wissen.

Was ich so lese