14.03.2008

Die Heilige Blume

Ein Allan Quatermain - Roman von Henry Rider Haggard

oder: Indiana Jones meets King Kong meets Herr der Ringe.

400 Seiten und keine einzige zu viel. "Die heilige Blume" ist der erste Quatermain-Roman, den ich gelesen habe, aber bestimmt nicht der letzte. Ich habe Quatermain für einen schlechten Ableger von Indiana Jones gehalten, als ich als Kind den Film "Quatermain - Auf der Suche nach dem Schatz der Könige" (1985) gesehen habe und es hat lange gedauert, bis ich dahinter gekommen bin, dass anders herum ein Schuh daraus wird. Nichts gegen Indy, ich freu mich schon auf den Kristallschädel-Film, aber Quatermain spielt trotzdem in einer völlig anderen Liga. Schon allein wegen seines Autors:

Sir Henry Rider Haggard wurde 1856 in Norfolk, Großbritannien geboren, die Heilige Blume erschien 1915. Das Buch hat fast 100 Jahre auf dem Buckel, aber das merkt man ihm nicht an. Gut, Quatermain führt sich auf, wie sich ein weißer Großwildjäger seinerzeit in Afrika eben aufgeführt hat, aber an dieser "weißen" Denkweise hat sich mancherorts ja bis heute nichts geändert.
H. R. Haggard kennt Afrika aus langjähriger Erfahrung. 1875 wurde er Sekretär des Gouverneurs von Natal in Südafrika (was so was wie eine unbezahlte Praktikantenstelle war). 1878 nahm er eine Stelle als Registrar beim Obergericht von Transvaal an und wollte Lilith Jackson heiraten, was ihm aber von seinem Vater unter Hinweis auf ein fehlendes Einkommen verwehrt wurde. Lilith heiratete wenig später einen anderen, wurde aber von ihrem Mann mit Syphilis angesteckt und verlassen und kam als Bittstellerin zum inzwischen seinerseits verheirateten und als Schriftsteller erfolgreichen H. R. Haggard zurück. Von da an versorgte er sie heimlich mit Geld für Arzt und Lebensunterhalt.

Die Heilige Blume ist nicht immer ein fröhliches Buch. Heldentaten finden sich zuhauf, aber auch Tot, Verzweiflung und die Sinnlosigkeit allen menschlichen Strebens. Auch Quatermain wird davon nicht ausgenommen. Mehrmals erwähnt er den Tod seines Sohnes und auch er selbst ist kein ewiger Held, der nach bestandenem Abenteuer in den Sonnenuntergang reitet.

Deshalb ist es auch nicht nur die große Geschichte um die Suche nach einer heiligen Blume, der verschwundenen Frau eines ehemaligen Missionars und den Kampf mit durchtriebenen Sklavenhändlern, sondern die Details, die das Buch so lesenswert machen. Besonders in den Momenten in denen das Leben der Helden auf Messers Schneide steht, friert Haggard die Zeit gerne kurz ein, um auf ein Detail einzugehen, das sich in Quatermains Gedächtnis eingebrannt hat. Zum Beispiel die Gestalt von Wolken, die am Himmel stehen, oder das unheimliche Leuchten in den Augen des angreifenden Gott-Affen.
Quatermain ist es, der diese Geschichte an langen Winterabenden heimgekehrt nach England aufschreibt und er nimmt sich auch die Freiheit offen einzugestehen, dass es sich nur um eine Erzählung aus dem Gedächtnis handelt und noch viel mehr passiert ist, an das er sich aber einfach nicht mehr erinnern kann.

Vor allem scheut er sich nicht, immer wieder den Ausgang von Unternehmungen vorwegzunehmen, was der Spannung aber keinen Abbruch tut. Quatermain bzw. H. R. Haggard hat's einfach drauf!

Die Geschichte beginnt in Afrika, wo Quatermain auf den herumziehenden, ein wenig verrückt erscheinenden Weißen "Bruder John" trifft, der Schmetterlinge sammelt. Von ihm bekommt er die getrocknete Blüte einer Orchidee, die er aus dem Land der Pongo mitgebracht hat, die diese und einen riesigen Affen als ihre Gottheiten verehren. Er nimmt an, dass ein lebendes Exemplar dieser Pflanze ein Vermögen wert sei und schlägt Quatermain eine Expedition vor.

Der reist nach England, wo er einen jungen Ideenlibhaber als Geldgeber gewinnt, trommelt in Afrika seine eingeborenen Freunde und Jäger zusammen und macht sich auf den gefahrvollen Weg, der sie wie gesagt mit Sklavenhändlern und allerhand kriegerischen Stämmen zusammenführt.

Nach einer Weile wird klar, dass Bruder John seine Schmetterlingssammelei nur als Vorwand gebraucht, um nach seiner verschleppten Frau zu suchen. Bei den Pongo, die eine weiße Frau als Hüterin über die Blume eingesetzt haben, hofft er fündig zu werden.

Die Geschichte erreicht den Höhepunkt, als sie auf die Insel des Gottes gebracht werden, um dem Riesenaffen geopfert zu werden. Der ist nicht ganz so groß wie King Kong und viel älter und bösartiger, aber eine gewisse Ähnlichkeit ist nicht abzustreiten. Auch hier war H. R. Haggard zusammen mit Arthur Conan Doyle und Edgar Rice Burroughs der Ideengeber für spätere Geschichten.

Kurz vor der Stelle mit dem Gorilla findet sich die Beschreibung des Oberpriesters der Pongo:


Set across the little bay of water just above the canoe that floated there was a wooden platform, eight feet or so square, on either side of which stood an enormous elephant's tusk, bigger indeed than any I have seen in all my experience, which tusks seemed to be black with age. Between the tusks, squatted upon rugs of some kind of rich fur, was what from its shape and attitude I at first took to be a huge toad. In truth, it had all the appearance of a very bloated toad. There was the rough corrugated skin, there the prominent backbone (for its back was towards us), and there were the thin, splayed-out legs.

We stared at this strange object for quite a long while, unable to make it out in that uncertain light, for so long indeed, that I grew nervous and was about to ask the Kalubi what it might be. As my lips opened, however, it stirred, and with a slow, groping, circular movement turned itself towards us very slowly. At length it was round, and as the head came in view all the Pongo from the Kalubi down ceased their low, weird chant and flung themselves upon their faces, those who had torches still holding them up in their right hands.

Oh! what a thing appeared! It was not a toad, but a man that moved upon all fours. The large, bald head was sunk deep between the shoulders, either through deformity or from age, for this creature was undoubtedly very old. Looking at it, I wondered how old, but could form no answer in my mind. The great, broad face was sunken and withered, like to leather dried in the sun; the lower lip hung pendulously upon the prominent and bony jaw. Two yellow, tusk-like teeth projected one at each corner of the great mouth; all the rest were gone, and from time to time it licked the white gums with a red- pointed tongue as a snake might do. But the chief wonder of the Thing lay in its eyes that were large and round, perhaps because the flesh had shrunk away from them, which gave them the appearance of being set in the hollow orbits of a skull. These eyes literally shone like fire; indeed, at times they seemed positively to blaze, as I have seen a lion's eyes do in the dark. I confess that the aspect of the creature terrified and for a while paralysed me; to think that it was human was awful.



Na? Wer kommt drauf an welche zentrale Figur aus dem Herrn der Ringe sie mich erinnert?

Die Heilige Blume ist auf jeden Fall lesenswert. Und das beste daran: Ihr könnt euch nicht nur problemlos eine der zahlreichen Ausgaben für wenig Geld besorgen, H. R. Haggards Werke sind auch auf Project Gutenberg zu finden.


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