11.01.2008

Over to you

Zehn Geschichten über Flieger und das Fliegen von Roald Dahl

Manchmal hat man das Glück etwas zu lesen, dass nicht nur durch seine Eleganz besticht, sondern es auch schafft nachzuhallen wenn man das Buch schon längst weggelegt hat. So ist es mir mit Over to You gegangen, zu dem ich wieder mal durch Zufall gekommen bin.

Roald Dahl wird vielen wahrscheinlich erst ein Begriff, wenn ich "Charlie und die Schokoladenfabrik" sage, aber in er englischsprachigen Welt ist er einer der meistgelesenen Autoren - oder zumindest einer der Klassiker, die jeder zu kennen glaubt. Ich glänze hier auch nur durch eilig angelesenes Halbwissen, denn so weit ich weiß ist mir Dahl bisher noch nicht untergekommen. Seine Art zu schreiben erinnert mich an Rudyard Kipling, vor allem weil man merkt dass hier mehr hinter den Worten steckt als eine gute Vorstellungsgabe. Der Mann weiß wovon er schreibt - er hat es erlebt. Selbst Kampfflieger im 2. Weltkrieg hat er einiges mitgemacht und wurde schwer verwundet. Trotzdem sind seine Figuren nur Menschen. Manche hinterhältig, manche ritterlich. Die Deutschen immer der Feind, aber eben nur ein menschlicher Feind.

In Death of an old man kommt es zum Zweikampf zwischen zwei Piloten, die sich ebenbürtig sind. Sie schießen sich nach langem Kampf gegenseitig ab und landen mit ihren Fallschirmen auf einer Weide. Der Engländer hat das Pech in einem Tümpel zu landen und kann sich nicht rechtzeitig unter dem Fallschirm befreien. Er kämpft mit aller Kraft gegen den Deutschen an, der ihn unter Wasser drückt, aber irgendwann geschieht ein fast unmerklicher Übergang. Der Kampf verliert seinen Sinn, der Engländer hört auf zu kämpfen. Er versteht auch nicht, warum der Deutsche seinen Körper aus dem Wasser zieht, um seine Taschen zu durchsuchen. Er bleibt statt dessen lieber noch ein wenig auf dieser friedlichen Weide und lässt den Krieg Krieg sein.
Auch in seinen anderen Geschichten ist Dahl ein Meister der Übergänge. Er wechselt die Erzählperspektiven, so mühelos, dass man aufpassen muss, um sie nicht zu überlesen und bleibt dabei immer in einem Erzählfluss, der den Leser beinahe von selbst mit sich fortträgt, bis das viel beschworene Kino im Kopf entsteht.


An african story hat die Fliegerei nur als Aufhänger. Ein Pilot hört von einem alten Mann eine Geschichte, die er unbedingt aufschreiben will. Sie ist alles, was von ihm übrig bleibt, als er abstürzt. In der Geschichte hat ein alter Mann eine Kuh, die er mit einem Nachbarn teilt. Dieser Nachbar hat den Tick, dass er Kau- und Schleckgeräusche nicht ertragen kann und deswegen schon viele Hunde erschlagen hat - auch den des alten Mannes. Eines Tages gibt die Kuh Morgens keine Milch mehr und der Alte findet heraus, dass sie vor Sonnenaufgang von einer Schlange gestohlen wird. Er stellt dem Nachbarn eine Falle, schickt ihn zur Bewachung der Kuh, weil er genau weiß, dass ihn die Schlange töten wird. Danach teilt der Alte seine Milch mit der Schlange.

A piece of a cake finde ich eine der schwächsten Geschichten in dem Buch. Ein Pilot wird abgeschossen und erlebt plötzlich total aberwitzige Dinge, bis er schließlich in einem Krankenhaus aufwacht und merkt, dass er alles nur halluziniert hat.

Madame Rosette erzählt wie ein paar Flieger eine Bordellbesitzerin überrumpeln und ihre Damen "befreien".

Katina verbindet das Schicksal der Royal Air Force in Griechenland mit dem eines kleinen Mädchens, das ihre Eltern in einem Luftangriff verloren hat und seitdem sowas wie das Staffelmaskottchen der RAF ist. Nach und nach werden die Engländer zurückgedrängt, bis sie schließlich in einem letzten Angriff der Deutschen all ihre verbliebenen Flugzeuge, die in einem Wald versteckt waren und Katina verlieren. Das Mädchen rannte als auch die letzte Hurricane in Brand geschossen war aus dem Schützengraben, um den Deutschen ihren Hass nachzuschreien. Einer der Deutschen Jagdflieger hat sie gesehen und ist noch einmal zurückgeflogen, um sie zu töten...

Yesterday was beautiful. Nur fünf Seiten lang erzählt die Geschichte vom Zusammenbruch eines Dorfes und eines alten Mannes, der seine Tochter verloren hat. Ein englischer Pilot steigt mit dem Fallschirm über einer kleinen Insel aus und will zurück aufs Festland, bevor die Deutschen kommen, die das Dorf schon mehrmals angegriffen haben. Er fragt einen alten Mann an einem Brunnen, wer denn ein Boot besitzt, und wo er diesen finden kann. Der alte schickt ihn zu einem Joannis, warnt ihn aber im Kopf zu behalten, dass der und seine Frau in einem Luftangriff ihre Tochter verloren haben. Der Engländer findet die Frau von Joannis, die ihn zu dem Alten am Brunnen zurückschickt. Der ist nämlich kein anderer als Joannis.

They Shall not grow old ist meine Lieblingsgeschichte in der Sammlung. Ein Pilot kommt von einem Patrouillenflug nicht zurück und wird als vermisst gemeldet. Zwei Tage später landet er auf dem Flugfeld und kann sich nicht daran erinnern länger als 1 1/2 Stunden weg gewesen zu sein. Erst als einer seiner Kameraden bei einem Angriff abgeschossen wird fällt es ihm wieder ein:
Beim Anflug auf sein Ziel geriet er plötzlich in eine undurchdringliche Wolke, die ihn schließlich in einen makellos blauen Himmel entließ, durch den die endlose Kolonne der Flugzeuge zog, die in diesem Krieg mit ihren Piloten abgeschossen worden war. In Porco Rosso kommt die gleiche Szene vor, ein wenig abgewandelt und obwohl oder vielleicht weil ich dieses Motiv bereits kannte habe ich eine Gänsehaut davon bekommen.
Und während die abgeschossenen Piloten nach und nach landeten und in ein strahlend helles Licht gingen, flog die Maschine des englischen Piloten einfach weiter und riss ihn aus dieser Glückseligkeit zurück in die Wolke und dann in die wirkliche Welt. Als er Tage später abgeschossen wird, ist sein letzter Funkspruch: "I'm a lucky bastard. A lucky, lucky bastard."

Beware of the dog erzählt von einem abgeschossenen Piloten, dem an dem Krankenhaus in dem er gepflegt wird irgend etwas komisch vorkommt, obwohl die Schwester nett und die Zigaretten gut sind. Als er sich ans Fenster schleppt und am einem Zaun das Schild "Garde au chien" sieht, weiß er, dass er sich in Feindeshand befindet.

Only this nimmt die Perspektive einer Angehörigen ein, deren Mann zu einem Bomberflug aufbricht. Während sie in ihrem Stuhl sitzt, wandert ihr Geist in sein Flugzeug, das abgeschossen wird. Sie versucht ihn mit aller Kraft aus der brennenden Pilotenkanzel zu ziehen, aber es ist zu spät. Am nächsten Morgen sitzt sie tot in ihrem Stuhl.

Someone like you schließlich zeigt die seelischen Wunden, die Bomberpiloten davontragen, weil sie wissen, dass sie für den Tod von Tausenden von Menschen verantwortlich sind.

Was ich so lese