01.11.2007

Post von Charon

Während ich im Urlaub war, ist eine seltsame Mail bei mir angekommen. Seltsam, weil sich der Absender Charon nennt (das hatte ich mir als Pseudonym ausgesucht!) und noch seltsamer in dem, was er in der Mail schreibt. Das Ganze ist ein bischen konfus und ich bin mir nicht sicher, ob ich das richtig verstanden habe, aber ich glaube im Grunde schreibt er (oder sie?) dass er im Bezirksklinikum Regensburg in Behandlung ist. Ich kenn das recht gut, weil direkt gegenüber die Uni Regensburg ist und ich als gerade frisch immatrikulierter Student den Schreck meines Lebens bekommen habe, als im Lesesaal am Platz neben mir eine Frau mit Tourette angefangen hat zu fluchen.

Wenn man erst mal weiß, dass manche Patienten tagsüber Ausgang haben und zum Lesen in die Uni gehen, dann gewöhnt man sich an so was...

Jedenfalls schreibt Charon von einer anderen Patientin - Melanie - die völlig den Bezug zur Realität verloren hat. Denkt an die Bücher von Oliver Sacks ("Der Mann der seine Frau mit einem Hut verwechselte") und ihr wisst, was ich meine. Aber ab und zu scheint sie lichte Momente zu haben, in denen sie schreibt.

Und hier fängt es an völlig undurchsichtig zu werden. Erstens schreibt sie nicht einfach in Hefte oder Blöcke, oder am Computer sondern in Fantasy-Bücher, die sie irgendwo herbekommen hat. Natürlich ist auch der Herr der Ringe darunter sagt Charon, auch wenn ich das noch nicht zu Gesicht bekommen habe. Und außerdem schreibt sie im Namen ihrer Schwester - Lisa, die es vielleicht gibt oder auch nicht gibt - an sich selbst.

Charon hat mir drei eingescannte Seite geschickt und natürlich bin ich neugierig. Ich bin neugierig, ob hier jemand virales Marketing starten und Werbung für ein Buch machen will - Blogger seid gewarnt, das passiert immer öfter, oder ob doch was - was auch immer - an der Sache dran ist.

Nach allem was ich bis jetzt mitbekommen habe, geht die Geschichte ungefähr so: Lisa ist eine Live-Rollenspiel / Reenactment / Mittelalter - Begeisterte, die nach einem Wochenende auf einem Live-Rollenspiel-Lager verschwunden ist. Sie findet sich in einer anderen Welt wieder (oder glaubt in einer anderen Welt zu sein) und schreibt ihre Erlebnisse auf. Durch irgend eine Magie kommt das, was sie schreibt bei ihrer Schwester in Regensburg an (So ähnlich wie die "Briefe in die chinesische Vergangenheit").

Vielleicht wird das klarer, wenn ich mehr Material von Charon bekomme. Eine interessante Geschichte ist es allemal.

Erster Brief:

Ich, Charon hatte Kummer. oh meine Mädchen!
Endlich Nachricht!
Ich, Charon hatte Trauer.
Viele opake Nächte hörte ich Engelszungen reden.

Und jetzt bin ich hier.
Aber wo bin ich? Und wo sind Melanie und Lisa? Wo sind Lisa und Melanie? Verloren wie ein Stein auf den Wegen der Fahrenden. Entschuldige, dass ich mich nicht einfacher ausdrücken kann. Aber es gibt keine Magie hier. Nur Magier. Und in einer Welt in der jeder nach Seinesgleichen sucht ist es schwierig, den eigenen Panzer abzulegen, oder den der anderen zu durchdringen. So bin ich in
einer Stadt namens Regensburg gelandet. An einem Ort, wo sich "Ärzte" um das "geistige Wohl" ihrer "Patienten" kümmern. Alles Worte, die mir erst
nichts sagten, weil ich sie noch nie zuvor gehört hatte. Alles ist neu hier.
Jeder ist fremd. Ich sehe es in den Gesichtern der Studenten, die gegenüber versuchen das Leben zu verstehen, oder ihm zu entgehen. Auch ich habe gelernt. Gelernt zu schreiben, mich verständlich zu machen. Oder habe ich einfach nur vergessen, wie man es nicht macht? Es ist alles verwirrend. Alles. Ich
habe eine Bitte an Dich. An Dich unter allen anderen, weil... Ja, weil. Ich weiß es nicht. Auch das musst Du mir verzeihen unter vielem anderen, das noch zu verzeihen sein wird. Ich bin ein Wanderer und jeder Wanderer braucht einen Ort, an dem er sein Gepäck ablegen kann und sei es nur für einen Augenblick. Ich
war lange auf der Suche, bevor ich in Regensburg auf Melanie gestoßen bin. Sie ist in keinem guten Zustand. "Realitätsverlust" nennen sie es. Auch ein Wort, das ich erst lernen musste. Sie schreibt. Schreibt Marginalien in einen Roman von Charon. Ein weiterer Charon. Oder habe ich mich erst Charon genannt, als ich dieses Buch gesehen habe? Auch Du nennst dich Charon. Charon. Ein Bote im Grunde. Vielleicht ein Suchender. Ein Wanderer zwischen den Ufern.
Charon also soll unser Führer sein durch diese Welt. Melanie jedenfalls hat er mit sich genommen. Sie schreibt an sich selbst. Schreibt als wäre sie Lisa, ihre Schwester. Schreibt in ein Buch, das Charon ihr gegeben hat, oder zumindest geschrieben. Einerlei. Sie scheint verloren zu sein. Aber was ist mit ihrer Schwester? Lassen sich Spuren von ihr finden in dem was sie schreibt? Ist sie in dieser Welt oder in der nächsten? Was hat Charon mit ihr gemacht?
Bitte nimm die ersten drei Seiten und hilf mir sie zu finden. Weitere werden
folgen.
Allein schaffe ich es nicht. Nicht ohne einen Platz, an dem ich mein Gepäck abstellen kann.
Zumindest für einen Augenblick.

Danke
Charon.

Charon






Was ich so lese