03.01.2008

Das Geheimnis der Krypta

Ein Roman von Carl Amery

Ich bekenne mich schuldig. Schuldig dieses Buch nicht schon eher gelesen oder wenigstens einen Versuch unternommen zu haben mal mit Carl Amery in Kontakt zu kommen. Von einem angehenden Schriftsteller, der wie Amery in Freising auf's Dom-Gymnasium gegangen ist, hätte man das eigentlich erwarten können, aber Amery ist 2005 gestorben, and that's that...

Das Geheimnis der Krypta ist, wenn ich das richtig sehe sein letzter Roman gewesen. Denn in den Jahren bevor er das Schreiben aus gesundheitlichen Gründen ganz aufgegeben hat, widmete er sich kritischen Themen zu Ökologie, Religion und Gesellschaft.

Ich kannte schon "Der Untergang der Stadt Passau", was eine bayerische Version von "A canticle for Leibowitz" ist und "Das Geheimnis der Krypta" hat grob das gleiche Thema: Menschengemachte Apokalypse bzw. Postapokalypse. In "Der Untergang der Stadt Passau" ist das Kind schon in den Brunnen gefallen und die Überlebenden streiten sich darum, wie man die Gesellschaft wieder aufbauen sollte. Auf dem letzten Stand der Technik? Oder einige Kulturstufen darunter, so in etwa zwischen Bronze- und Eisenzeit? Gar nicht so einfach, wenn man sich dafür um tausend lebensnotwendige Fragen kümmern muss, wie die, wo wie man die Bevölkerung mit Salz versorgt.

In Geheimnis der Krypta wird hingegen die Geschichte erzählt, wie es zum Tod von mehr als 90 % der Weltbevölkerung kommen konnte (12 Monkeys lässt grüßen). Da ist zunächst einmal ein brillianter und leicht verrückter Wissenschaftler, der zu Beginn des 20 Jh. in Freising unter anderem alchemistische Experimente anstellt und damit an eine krawonische Propagandabroschüre vom Ende des Jahrhunderts herankommt, mit der er aber nicht sonderlich viel anfangen kann, obwohl er sie von einem Freund übersetzen lässt in dessen Nachlass sie auch verbleibt.

Sein unehelicher Sohn, Korbinian Irlböck, der seinen Vater nie gesehen hat, verbringt den zweiten Weltkrieg in Afrika, forscht danach in den USA über die Huronen-Mission der Jesuiten, kehrt aber dann nach einer bedeutenden Erbschaft nach Freising zurück um sein großes Werk in Angriff zu nehmen: Die Spharagistik, die Lehre von den Verlierern und den nicht verwirklichten bzw. nicht ernst genommenen Geschichtsverläufen.

Eine mysteriöse Forschungsgesellschaft wird auf ihn aufmerksam, fördert seine Arbeit und beauftragt ihn Vorschläge auszuarbeiten, wie die Menschheit als Ganzes gerettet werden kann. Irlböck reicht zwei Vorschläge ein: Freising 1 (Aufklärung und sanfte Umstellung zu nachhaltiger Lebensweise) und Freising 2 (Radikale Reduktion der Menschheit auf 5% ihrer Größe).

Und siehe da! Natürlich wird Freising 2 angenommen, ohne dass Korbinian anfangs davon weiß. Aber er stößt auf die Propagandabroschüre, lernt krawonisch, um sie zu übersetzen und wird schließlich als deutsche Delegation auf einen Kongress nach Krawonien geschickt. Dort wird klar, dass die Machthaber bereits an der Umsetzung von Freising 2 arbeiten und Kobinian versucht gegenzusteuern. Aber die Maschine ist in Gang gesetzt.

Korbinian trifft im Verlauf der Geschichte auf einen Mann, der behauptet sein Sohn zu sein, eine Frau, die er für seine Tochter hält und legt im Keller seines Hauses einen geheimen Raum frei, der mit der Krypta des Domes verbunden ist.

Was das Ganze mit der Krypta im Freisinger Dom und der Bestiensäule zu tun hat, habe ich nicht ganz verstanden. Gut, die Bestiensäule hat was apokalyptisches und sie gehört nun mal zum Schauplatz dazu, aber eigentlich notwendig ist sie nicht. Auch die ganze Vor- und Familiengeschichte von Korbinian scheint mir ein wenig zu lang, aber darüber kann man sich streiten. Und für die Postapokalypse-Fans bleibt nur das letzte Kapitel, in dem ein Sonderkommando aus Krawonien sich nach Freising durchschlägt, um dort zwei Plaketten im Dom und in Irlbecks Haus anzubringen, die der historischen Tat gedenken. Sie schaffen es nicht ganz. Schon vorher durch die große Seuche, Heckenschützen, Fahnenflucht und zusammenbrechende Infrastruktur (zuletzt steigen sie auf Fahrräder um...) dezimiert fallen sie schließlich ihrer eigenen Gier zum Opfer. Aber wie das Leben so spielt, landen sie genau an der Wohnstätte des alten Korbinian, der die Seuche überlebt hat. Dieser Teil hat mir eigentlich am besten gefallen.

Die schönsten Stellen des Romans erinnern ein wenig an "Cat's Cradle" oder "A canticle for Leibowitz", die nicht ganz so guten vielleicht an "Foundation", nur eben auf Bairisch, was dem ganzen einen besonderen Charme verleiht. Dazu noch Einsprengsel von Franzäsisch, Englisch und einem alten Text von nordischen Göttern und "Fanpost" an Irlböck.

Ganz rund ist das nicht, aber zumindest ich als Freisinger / Moosburger hab das Buch genossen. Und ärgere mich weiter über mich selbst...

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