10.11.2007

Hokus, Pokus, Hexenschuss



Das große Buch der humorvollen Fantasy (2001)

von Mike Ashley (Hg.)

Um ganz ehrlich zu sein wäre ich von selber nicht auf den Gedanken gekommen mir diese Sammlung zu kaufen. „Humorvolle“ Fantasy hört sich zu sehr nach Terry Prachett an und auch wenn das durchaus unterhaltsam sein kann, sind knapp 750 Seiten lustige Orks zu viel für mich. Aber wie so oft hab ich mich getäuscht.

Nicht dass alles 32 enthaltenen Geschichten erste Sahne gewesen wären, aber von den meisten Autoren hab ich noch nie was gehört und ich werde sie mir jetzt bestimmt merken.

Zum ersten Mike Ashley. Ich weiß zwar nicht, ob er als Geschichtenschreiber auch was taugt, aber seine Einführungen zu den jeweiligen Geschichten und Autoren sind wunderbar und machen jedes mal aufs neue Appetit auf mehr.

Jack Sharkey hat „Die Schwarzdrossel“ beigesteuert, (Im Original, übersetzt von Tatjana Krus „The Blackbird“) eine Geschichten, die auf kleiner Flamme vor sich hinköchelt und viel Stil hat. In einem Dorf geht ein Serienkiller um und der Hauptverdächtige ist ein Türke, der riesengroß ist und den noch keiner etwas essen sehen hat. Eine angebliche Augenzeugin will ihn gesehen haben, wie er sich in einen schwarzen Vogel verwandelt hat, um sein jüngstes Opfer zu überfallen. Der Anwalt des Dorfs bekommt bei der schnell einberufenen Gerichtsverhandlung unerwartet Rückendeckung von einem Staranwalt, der den Fall eloquent herumwirft. Aber natürlich hat die Geschichte einen weiteren Dreh, als sich herausstellt, dass der Anwalt der Onkel des Türken ist und der sich wirklich in einen Vogel verwandeln kann.


James Bibby: Der bleiche Assasine. („Pale Assassin“ wunderbar übersetzt von Alexander A. Huiskes)
Die Stadt könnte auch Ankh-Morphok sein nur Heighway, ein Inspektor und Protagonist der Geschichte ist ein bisschen zu rau für die Scheibenwelt. In seiner Polizeistation sterben Kollegen auf mysteriöse Weise. Heighway hat es nicht einfach, denn die Leichen der Polizisten werden auch mal so nebenbei an ein Ork-Restaurant verkauft. Trotzdem schafft es der Inspektor den Spuren bis in die Kantine der Polizeistation zu folgen, wo er auf eine absolut tödliche Müsli-Zutat stößt.
Der Text ist gespickt mit netten Einfällen, zum Beispiel VLATZKHAN GUL, einem Orkischen Likör, der es schafft deutlich stärker zu sein als reiner Alkohol.


Nelson Bond: Der Unbeschlagene. („Nothing in the Rules“, Übersetzung von Edda Petri) Amerika ist im Krieg, der Wirtschaft geht es nicht so besonders und der Protagonist übernimmt von seinem Freund einen Rennstall, während der in Europa ist. Und in diesem Rennstall ist ein Zentaur, der heiß darauf ist zu laufen und zu gewinnen. Dumm nur, dass es da noch einen eifersüchtigen Stallburschen gibt, der dem Halbgott nach dem Leben trachtet. Ich mag Mythologie und finde es könnte ruhig mehr Geschichten geben, die von Faunen und Co. handeln.


Die nächste Geschichte von Marilyn Todd „Dicke Luft auf dem Olymp“ („Bad day on Mount Olympus“, übersetzt von Linda Budinger) passt da genau rein. Es ist wieder Mal Jahreshauptversammlung der Unsterblichen, d.h. all derer, die keine Götter sind aber auch keine Menschen. Eine langweilige Angelegenheit, die erst durch die anschließenden Orgien erträglich wird. Aber diesmal ist es anders. Herakles hat sich in den Kopf gesetzt der neue Chef des Pantheons zu werden und will eine Revolution anzetteln. Echo, die körperlose Frau, die dazu verdammt ist nur Satzenden nachzusprechen will das verhindern. Aber wie soll sie so schaffen jemanden zu warnen? Ich habs auch nicht geglaubt, aber sie schafft es. Ich will mir gar nicht ausmalen, was die Übersetzerin deswegen durchmachen musste...


John Morressy: „Wie ein Blitz aus heiterem Himmel“ (Fair-Weather Fiend. Übersetzt von Frauke Meier) Wieder eine Kriminalgeschichte. Der König ist vom Blitz getroffen worden, hat jetzt nicht mehr alle Tassen im Schrank und der Magier Kedrigern und seine Assistentin Prinzessin sollen Abhilfe schaffen. Mir gefallen hier die Charaktäre am besten, über die Geschichte selber kann man sich streiten. Natürlich steckt ein böser Magier dahinter und Kedrigern muss noch nicht mal Magie einsetzen, um es ihm heimzuzahlen. Dafür ist er viel zu gerissen.


Stan Nicholls kannte ich vorher schon, wenigstens einer... Er hat „Der Papagei in der Hand“ beigesteuert („Polly put the Mockers on“, Übersetzt von Arno Behrend), eine Hard-Boiled-Krimigeschichte in einer Welt von Morgen, in der Tiere Zahlungsmittel sind. Mäuse sind Kleingeld und der Papagei, um den es geht so was wie ein Diamant.


Auch von Tom Holt habe ich schon was gehört. In „Der Besuch des Handlungsreisenden“ („Touched by a Salesman“, ins Deutsche übertragen von Michael Kubiak) bekommt ein vom Schicksal gebeutelter Mann Besuch von einem Engel, nein, falsch, von einem Außerirdischen mit Heiligenschein, der als Handlungsreisender unterwegs ist und auf der Erde abstürzte. Um wieder zurückzukommen aktiviert er die nächste Kirche, die sich als Raumschiff herausstellt. Später schickt er dem armen Erdenbürger aus Dankbarkeit einen Scheck, der ihn reich machen wird – falls er es je nach Gamma Orionis Vier schafft...


„Götter, Gleichungen und Gelehrte“ von Paul Di Filippo (noch einer, den ich kannte) („Math takes a holiday“, übersetzt von M. Kubiak) zeigt, dass Glaube und Wissenschaft doch gut zusammenpassen können, vor allem wenn man ein genialer Wissenschaftler (Lucas Latulippe) ist, dem Gott die heilige Barbara und den heiligen Hubertus an die Seite stellt, damit er sich gegen seine ungläubigen Kollegen behaupten kann.


„Die Zukunft liegt in Finsternis...“ von David Langford („Not Ours to see“ übersetzt von Barbara Röhl) stellt eine interessante Theorie zu Zukunftsvorhersagen auf: Je mehr Leute eine bestimmte Methode verwenden (z.B. Kartenlegen), desto ungenauer wird sie, weil quasi die Leitungen überlastet sind. Deswegen hat sich der Protagonist dieser Geschichte darauf verlegt aus einer bestimmten Marke Katzenfutter zu lesen. Aber über einen bestimmten Tag hinaus kann er keine Prognosen treffen. Er fürchtet schon, dass das sein eigener Todestag ist oder der letzte Tag der Menschheit, aber dann stellt sich heraus, dass ab diesem Tag die Katzenfuttermarke nicht mehr weiter produziert wird.


Esther Friesner hat „Hänsel und Gretel: Teil Zwei“ geschrieben. („Gunsel and Gretel“, übersetzt von B. Röhl). Es ist eine der längsten Geschichten in der Sammlung und eine der Besten. Es ist die Zeit des 2. Weltkrieges. Die Hexe aus dem Märchen hat die Sache mit Hänsel und Gretel überlebt, indem sie sich aus dem Ofen herausgezaubert hat und aus Deutschland geflohen, weil man da grad mal wieder nicht gut auf Hexen zu sprechen ist. In den USA ist sie dann Privatdedektivin geworden, die wie sich das für den Beruf so gehört auf gefährliche Blondinen und harten Fusel steht. Und da kommt eines Tages Gretel in ihr Büro geschneit, um sie zu beauftragen ihren Bruder wiederzufinden. Daraus entwickelt sich eine wundervolle Geschichte voller Fallstricke und doppelter Böden, bei der man nie weiß, was als nächstes passieren wird.


„Schwerter und Steine“ von E.K. Grant (The Swords and the Stones“ übersetzt von E. Petri) ist meine Lieblingsgeschichte in dem Band.

Thol der typische Barbar im Lendenschurz hat Probleme. Soeben sind Feinde unter Führung des bösen Magiers Krollok in das Königreich seines Vaters eingefallen, haben diesen im Kampf getötet und das Land eingenommen. Und das nur weil das singende Schwert seines Vaters, das eigentlich unzerbrechlich sein sollte, doch zerbrochen ist. Also macht sich Thol auf zu dem Magier Hanegral, der es geschmiedet hat, um die entsprechenden Garantieleistungen zu fordern. Eigentlich passiert nicht viel aufregendes in der Geschichte aber die Charaktere sind liebenswert und das Ganze ist wundervoll erzählt.


„Handarbeit“ von John Grant (alias Paul Barnett „A Case of Four Fingers“, übertragen von Axel Franken, was wie die Faust aufs Auge passt, ihr werdet gleich sehen, warum.) entwirft eine Kriminalgeschichte in einer Stadt in der sich ALLE Kriminalgeschichten abspielen. Das erklärt sich daraus, dass man irgendwann erkannt hat, dass es effektiver ist Arbeitslose die Rollen von Opfern und Zeugen spielen zu lassen, als vielbeschäftigte Steuerzahler damit zu behelligen. Und ein Mann ist dafür da die Toten wieder zusammenzuflicken und sie in die nächste Runde zu schicken: Dr. Viktor Frankenstein. Aber wie sich das in einem Krimi gehört spielt auch er ein doppeltes Spiel, um am Ende an die Frau ranzukommen.

Was ich so lese