Nach dem Brand der Herzogin Amalia Bibliothek oder jetzt wieder nach dem Einsturz des historischen Archivs in Köln frage ich mich, warum der Mensch unbedingt jeden Krempel aufheben will.
KREMPEL!? Ja bin ich denn wahnsinnig? Der Nachlass von Böll, handschriftliche Notizen von Goethe und was weiß ich noch nicht alles sind unwiederbringlich verloren und bezeichne das einfach so als "Krempel"?!?
Ja. Es ist Krempel.
Denn letztendlich hat das alles keinen Wert. Letztendlich würde ich sogar so weit gehen zu behaupten, dass alle historische oder literarische Forscherei nur ein netter Zeitvertreib ist.
Und kommt mir nicht mit "Wer aus der Geschichte nichts gelernt hat, ist gezwungen sie zu wiederholen." Huhuhu, hab ich aber eine Ehrfurcht vor solchen Sprüchen...
Das ist doch Quatsch. So schlau sind wir Menschen leider nicht.
Klar tut es mir in der Seele weh, wenn ich verkohlte, aufgeweichte Buch-Leichen im Löschwasser schwimmen sehe, aber wisst ihr was? Andererseits gehen sie mit auch am Arsch vorbei. Wenn sie wirklich so unersetzlich gewesen wären, wie alle tun, warum hat sich dann keiner die Mühe gemacht sie zu kopieren? Warum gibt es keine Fotos oder Scans davon? Warum hat sich niemand die Mühe gemacht, sicher zu gehen, dass nichts, aber auch wirklich gar nichts schief gehen kann?
Weil die Zeit fehlt. Oder das Geld. Oder beides. Sagt man.
Wie lange ist es gleich noch mal her, dass Böll tot ist? Von Goethe will ich gar nicht anfangen.
Böll-Forscher dürfen mir jetzt gerne den Hals umdrehen. Ich kann mir vorstellen, wie frustrierend das sein muss. Da müht man sich ab, beantragt Gelder und macht und tut und dann ist alles futsch und man muss sich von so einem wie mir auch noch vorwerfen lassen, dass das Interesse gefehlt hat.
Aber ich sehe das mit einem weiteren Fokus. Es gibt immer einige wenige, die sich für eine Sache aufopfern, aber wenn es zu wenige andere gibt, die ihre Leistung wertschätzen, dann hat diese keine Wirkung.
Es ist wie mit Marken. Wenn wir nicht bewundern würden, dass sich manche Geeks das Apple-Logo auf die Haut tätowieren lassen, dann würde Apple heute genauso bekannt sein wie CP/M (nein, es lohnt sich nicht, das zu googeln).
Für mich als Schriftsteller ist das natürlich toll. Ich kann frei von jeglichen historischen Realitäten behaupten, dass in den Archiven ein Manuskript von Böll lag, das eine in Geheimschrift verfasste Anrufung der Großen Alten enthielt.
Ist natürlich völliger Quatsch, aber reizvoll.
Erfindungen, Manipulation und Fälschungen haben somit einen Fuß in der Tür der Geschichte. Denkt an "1984". Wer die Geschichte kontrolliert, kontrolliert die Gegenwart.
Echt?
Ist es nicht eher andersrum? Wer die Gegenwart kontrolliert, hat auch die Macht die Geschichte zu kontrollieren?
Frag mal rum, wie viele Menschen glauben, dass sie von der Regierung belogen werden. Und wie viele würden sich die Mühe machen mal nachzufragen?
Nein, es ist leichter und irgendwie auch befriedigender das Lamentieren anzufangen, wenn mal wieder irgendwo die Wahrheit oder die Schönheit oder auch nur das rechte Maß verloren gegangen ist.
Die Wahrheit, Schönheit usw. usf. sind wie die jüngst oder im September 2004 zerstörten Unterlagen Werkzeuge.
Es ist blöd, wenn die nicht mehr zur Verfügung stehen. Aber macht's wirklich was aus, wenn sie eh keiner mehr benutzt hat?
Und warum fragt eigentlich keiner danach, wer die Leute waren, die vielleicht noch unter den Trümmern liegen?
04.03.2009
Amalia in Köln
22.07.2008
Lotte in Weimar [Review]
von Thomas Mann
Es ist schon ein paar Jahre her, dass ich mich durch den Zauberberg geackert habe und es wird wieder ein paar Jahre dauern, bis ich das nächste Buch von Thomas Mann in die Hand nehme. Denn man kann zwar über seine sprachlichen Qualitäten nichts sagen, aber ich kann mit
dem Buch nichts anfangen.
Charlotte Kestner, das Vorbild für die Lotte in den Leiden des jungen Werther kommt nach Weimar und quartiert sich im Hotel zum Elephanten ein. Eigentlich will sie nur Verwandte in der Stadt besuchen, aber von Beginn an wird sie belagert von Literaturfreunden, Gaffern und
Prominentenjägern.
So kommt es, dass ihr verschiedenste Persönlichkeiten aus der Weimarer Society Gespräche aufdrängen, die sich um Literatur, Goethe, die Zeit nach Napoleon und die Personen aus Weimar drehen. So spricht sie unter anderem mit Goethes Sohn August und zum Abschluss des Buches auch mit Goethe selbst. Ansonsten passiert in dem Buch eigentlich nichts.
Wenn man an der Zeit, den Befindlichkeiten und natürlich an Goethe interessiert ist, hat man mit "Lotte in Weimar" wahrscheinlich ein ziemlich gutes Buch bei der Hand, Fantasyleser finden auch einige Zeilen über Elben und wer hohen Stil und jede Menge fast toter Wörter mag ist
hier richtig. Für den Rest ist das Buch ein Klassiker der übelsten Sorte.
Dabei will ich gar nicht mal sagen, dass es schlecht sei. Ab Seite 100 kommt man langsam in den Lesefluss und man muss sich auch nicht allzusehr quälen, bis man schließlich durch ist, aber trotzdem ist das Buch einfach lahmarschig. Es gibt zwar einen Spannungsbogen, der sich
aus Lottes unausgesprochener Hoffnung ergibt, Goethe noch einmal zu treffen, aber das ist nichts für Thriller-gestählte Leser, vor allem da die letzte Begegnung mit Goethe nur in Lottes Kopf stattfindet. (Ein Hoch auf die Sekundärliteratur, ich hätte das glatt verschnarcht und für bare Münze genommen...)
Mann hat das Buch 1936-39 geschrieben und das merkt man auch. Immer wieder klingt das "Deutsche Schicksal" und der unverständliche Judenhass an, den es schon lange vor den Nazis gab.
Eine Anekdote die Goethe von sich gibt, zielt direkt auf Hitler ab: Erst lässt er nebenbei verlauten, dass eine alte Weltbeschreibung die Deutschen als den Chinesen nicht unähnlich bezeichnet hat und dann gibt er ein chinesisches Sprichwort wieder, dass ein großer Mann ein Unglück für das Volk sei. Die Runde um Goethe lacht darüber, aber Lotte ist es bei dem Gedanken unwohl.
Thomas Mann hat sein ganzes Wissen und seine ganze Seelenverwandtschaft mit Goethe in das Buch gepackt, wie viel man davon brauchen kann muss jeder selber wissen.
Labels: Goethe, Lotte in Weimar, Review, Thomas Mann
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